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Francois D’haene greift nach dem Hardrock-UTMB-Double

13. Okt. 2021
Lesezeit: 7 Min

Als sich Francois D’haene für die Teilnahme am Treg Cabo Verde Trail Rennen über 113 Kilometer in Kap Verde entschloss, schien es wie eine ziemlich normale Vorbereitung auf die kommende Saison – vorausgesetzt man zählt zu den Menschen, die es für „normal“ empfinden, 113 Kilometer in der prallen Sonne zu joggen. In seinem Kalender 2021 sind zwei der größten Wettkämpfe der Ultra-Trail-Saison eingetragen: der Hardrock 100 in Colorado – den er im Juli auf Anhieb mit einer Rekordzeit für sich entschied – und der UTMB in Chamonix diesen Monat, den er in seiner beeindruckenden Karriere bereits drei Mal gewinnen konnte.

Für D’haene war das Rennen in Kap Verde eine Möglichkeit, sich auf seine kommende Saison vorzubereiten und zwar an einem wundervollen Ort, den er unbedingt während eines Wettkampfes entdecken wollte. Er wusste, dass das Rennen technisch, heiß und aufgrund des Teilnehmerfeldes nicht zu schnell sein würde – perfekt für seine anstehenden Wettbewerbe. Seine Skitouring-Saison verbringt er am liebsten mit moderaten Rennen unter 100 Kilometer. Obwohl er beim Cabo Verde Trail keine massiven Berge meistern musste – nichts geht über 2.000 Meter hinaus –, konnte er sich auf felsigem Gelände mit langen Singletrails vorbereiten … seine Lieblingstracks.„Natürlich laufe ich gern mit starker Konkurrenz. Manchmal reise ich aber auch einfach nur zu einem Rennen, um den Ort zu erkunden, mitten im Nirgendwo den Kopf freizubekommen und neue Berge und Routen zu entdecken“, so D’haene. „Kap Verde hat das gleiche Terrain wie der Hardrock 100 und auch das Timing stimmte. Das Rennen fand am Ende der Wintersaison und zwei Monate vor den Wettkämpfen statt, die ich mir als meine großen Ziele 2021 gesteckt hatte. Außerdem war ich zum ersten Mal dort und konnte so Neues sehen und erkunden. Es war ziemlich das, was ich mir erwartet hatte: ein Abenteuer-Rennen mit Autopilot.“

“Manchmal reise ich zu einem Rennen, um den Ort zu erkunden, mitten im Nirgendwo den Kopf freizubekommen und neue Berge und Routen zu entdecken ”

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François DHaene

Ultra-Trail-Läufer

Als er im Mai in Kap Verde ankam, fühlte er sich stark und war bereit – schließlich absolvierte er zuvor ein paar lange Skimo-Sessions, einen festen Trainingsblock zu Hause in den Französischen Alpen und eine Woche auf der Kanareninsel El Hierro bei Salomons „Advanced Week“ mit anderen Salomon International Trail Running Athleten. Er startete das Rennen selbstbewusst und aufgrund der hohen Temperaturen und dem Level des Läuferfelds mit relaxter Geschwindigkeit. Er genoss es, eine neue Umgebung zu erkunden.

„Sechs oder sieben Stunden lang hatte es ca. 40°C, also startete ich zögerlich und schüttete mir Wasser über den Kopf“, erinnert er sich. „Und auf meinen Körper. Außerdem achtete ich darauf, ausreichend zu essen.“

Bei einem Aufstieg wurde es D’haene plötzlich ziemlich warm. Aufgrund der Tageszeit kam ihm das aber nicht komisch vor. Als sein Körper dann aber nicht wie gewohnt reagierte, hatte er das Gefühl, dass vielleicht etwas nicht ganz stimmte.

„Ich habe schon ein paar Mal am Western States 100 und Trans Canaria teilgenommen und weiß, wie mein Körper bei solchen Temperaturen reagiert, es war also komisch“, sagt er. „Ich hatte ein komisches Gefühl in meinen Ohren und verkrampfte dann komplett. Für 1.000 Meter brauchte ich drei Stunden und in den nächsten sieben Stunden konnte ich meine Beine nicht mehr auf den Boden bringen. Also saß ich einfach nur da und hielt meine Beine fest. Ich habe versucht zu laufen, das war aber unmöglich. Ich versuchte zu schlafen, auch das war unmöglich.“

Bei Ultra-Rennen muss man Lösungen finden. Also hat D’haene die Situation eingeschätzt und nach Lösungen gesucht, aber keine gefunden.

„Nach neun Stunden habe ich etwas gegessen, getrunken und schlief für 20 Sekunden. Dann hat sich mein Körper sofort verändert“, sagt er. „Die Krämpfe waren weg.“

D’haene musste an die ganze kommende Saison denken. Nachdem er aber die Situation einschätzte und erkannte, dass er nicht verletzt war, entschloss er sich dazu, das Rennen zu beenden, aus Respekt für die Organisatoren, für sich selbst und wegen des Abenteuers.

“Am Ende brauchte ich zehn Stunden länger, als ich mir vorgenommen hatte. Das wirft natürlich ein paar Fragen auf. Als ich beim Zieleinlauf dann aber die strahlenden Organisatoren sah und hörte, was andere dazu sagten, wusste ich, dass ich die richtige Entscheidung getroffen hatte. ”

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François DHaene

Ultra-Trail-Läufer

Am nächsten Tag konnte er eine lockere Erholungsrunde laufen, fühlte sich 20 Tage nach dem Rennen aber immer noch erschöpft. Er sprach mit einem Sportarzt über diese Erfahrung und auch über seine Vorbereitung auf das Rennen. Außerdem erklärte er ihm, dass er ca. zwölf Tage vor dem Rennen einen Virus mit 39°C Fieber hatte, der sechs oder sieben Tage andauerte.

„Ich wusste nicht, welcher Virus das war“, erinnert sich D’haene. „Es war nicht Covid, da sowohl ein Bluttest als auch klassische Tests negativ waren und ich außer Fieber keine Symptome hatte. Außerdem war ich sechs Monate zuvor an Covid erkrankt.“

“Problemlösung plus viel Lebenserfahrung machen dich beim Ultra Running zu einem vollkommenen und guten Läufer. Wenn du dich in deiner Karriere nur wenigen Probleme stellen musstest, kannst du dich großen Herausforderungen wie einem Ultra-Trail nicht anpassen. ”

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François DHaene

Ultra trail-runner

Sein Arzt sagte zu ihm, er könne sich glücklich schätzen. Denn die schlimmsten Fälle der Unterkühlung in einem Ultra-Rennen würden denjenigen widerfahren, die in den Wochen vor dem Wettkampf an einem Virus erkrankt waren. Er riet ihm auch dazu, niemals wieder bei einem Rennen an den Start zu gehen, ohne sich nach einem Virus einen Monat lang zu erholen. Diese Botschaft möchte D’haene nun an andere Ultra-Läufer weitergeben, egal wie schnell sie laufen möchten.„Die ganze Geschichte war neu für mich und klar bin ich auch ein Athlet, der seinen Körper immer weiter pushen und gewinnen möchte“, sagt er. „Mit meinem Arzt habe ich aber darüber gesprochen, dass so etwas zu jeder Zeit in einem Rennen passieren kann, selbst wenn man langsam läuft. Wir müssen verstehen, dass ein Ultra über 10 oder 20 Stunden kein Zuckerschlecken ist. Man muss also aufpassen. Unser Sport ist wundervoll, aber schwierig. Man darf seinem Körper nicht zu viel zumuten. Am besten läuft man langsam, dafür lange. Seit zwölf Jahren laufe ich Ultras und möchte sie auch noch lange Zeit laufen. Wir müssen also vorsichtig sein und auf uns achten.“„Ultras sind nicht wie andere Sportarten“, so D’haene weiter. „Vom ersten bis zum letzten Läufer ticken wir alle gleich. Wir suchen nach dem Abenteuer und reisen, indem wir laufen. Problemlösung plus viel Lebenserfahrung machen dich beim Ultra Running zu einem vollkommenen und guten Läufer. Wenn du dich in deiner Karriere nur wenigen Probleme stellen musstest, kannst du dich großen Herausforderungen wie einem Ultra-Trail nicht anpassen.“

Als er beim Hardrock 100 an den Start ging, hatte er das Gefühl, dass die Krankheit hinter ihm liegt. Er sollte Recht behalten, denn er konnte den Sieg für sich verbuchen. D’haene stellte den Streckenrekord um sage und schreibe 1 Stunde und 43 Minuten ein und gewann das berühmte Rennen in 21 Stunden, 45 Minuten und 50 Sekunden.

Die Erfahrungen, die er in Kap Verde und beim Hardrock gemacht hat, werden ihn weiter begleiten.

„Ich kann mich besser auf die Hitze vorbereiten und weiß auch, warum das in Kap Verde passiert ist, glaube ich zumindest. Man weiß aber nie, was in einem Rennen passiert“, sagt D’haene. „Und wenn mein Körper 20 Tage vor einem Rennen unter Stress steht, werde ich nie wieder an einem Ultra-Abenteuer teilnehmen. Denn selbst wenn man glaubt, man sei wieder fit, braucht es Zeit. Wenn du deinen Körper in einem Ultra pushst, kann er merkwürdig darauf reagieren. Ich wusste, dass es für mich nicht leicht werden würde. Ich dachte aber auch, dass es okay sein müsste, weil nicht viele Konkurrenten am Start waren und mein Körper sich von diesem Virus erholen kann. Doch selbst bei mir hat das nicht funktioniert, obwohl ich gut trainiert bin und zehn Jahre Erfahrung habe. Deshalb erkläre ich das jetzt anderen. Selbst mit einem Arzt, wie ich ihn habe, können Probleme auftauchen, wenn man sich nicht 100 % fühlt und trotzdem bei einem Ultra-Rennen startet.“

Seitdem liegt sein Fokus auf Erholung und Vorbereitung, um beim UTMB in Chamonix noch einmal an den Start zu gehen, wo er in einem hochkarätigen Feld wieder zu den Favoriten zählt.

„Ich denke und hoffe, dass ich gut vorbereitet bin. Ehrlich gesagt ist es eine große Herausforderung, sich auf zwei Ultra-Trails in sechs Wochen vorzubereiten und konkurrenzfähig zu sein“, sagt D’haene. „Es geht nicht nur darum, das Rennen zu beenden. Man muss ausgeschlafen und zu 100 % bereit sein. Es ist also wirklich schwierig und intensiv. Ich erholte mich zehn Tage lang (nach Hardrock) und hatte dann eine Übergangswoche. Jetzt bin ich in meiner zweiten echten Trainingswoche und fühle mich tatsächlich wieder okay. Ich hoffe, dass das bis zum D-Day so bleibt. Also, los geht’s.“