Über die Kunst und Fertigkeit des Skidesigns: ein Gespräch mit Salomon Designer Victor Brousseaud
Victor Brousseaud ist in Südfrankreich zwar mehr auf dem Rad als auf Ski aufgewachsen, hatte aber schon immer ein Faible für Kreativität. Schon von klein auf kritzelte er seine Ideen an den Rand seiner Notizbücher. Inspiriert wurde er auch von seinen Eltern, die malten und zeichneten. So spürte er früh, dass er eines Tages von der Kunst leben könnte. Zwar hat er weder berühmte Kunstakademien besucht noch ein langes Studium absolviert, doch das Glück bescherte ihm zahlreiche Möglichkeiten, sein Können zu zeigen. Und er traf auf Menschen, die ihm Vertrauen schenkten und eine Chance gaben. Zusammen mit seiner Leidenschaft hat ihn das letztlich in die aufregende Welt des Skidesigns bei Salomon geführt.
“Es geht nicht nur darum, dass es gut aussieht. Es geht darum, ein Produkt zu entwickeln, das auf der Piste außerordentlich gut performt. Die Herausforderung liegt darin, diese beiden Aspekte in ein Gleichgewicht zu bringen. Das macht das Skidesign so faszinierend. ”

Victor Brousseaud
Salomon Designer
SALOMON: Wodurch bist du zum Skidesign gekommen?
Victor Brousseaud: Ich wollte unbedingt in einem Umfeld arbeiten, das mir einerseits Spaß macht, andererseits aber auch mit meiner Leidenschaft im Einklang steht. Das Skifahren begeistert die Menschen und die zugehörigen Produkte stecken voller spannender Technologien. Wenn ich einen Prototyp in Händen halte, fühlt es sich für mich immer wie an Weihnachten. Das Spannende am Skidesign ist die einzigartige Verschmelzung aus Kreativität und Technik. Es geht nicht nur darum, dass es gut aussieht. Es geht darum, ein Produkt zu entwickeln, das auf der Piste außerordentlich gut performt. Die Herausforderung liegt darin, diese beiden Aspekte in ein Gleichgewicht zu bringen. Das macht das Skidesign so faszinierend. Jeder Prototyp bietet eine neue Möglichkeit für Innovationen und dafür, die Grenzen des Möglichen neu zu verschieben. Das ist extrem aufregend.
SALOMON: Welchen Ansatz verfolgst du, um beim Design eine gesunde Balance zwischen Ästhetik und Funktionalität zu finden?
VB: Meine Aufgabe besteht darin, einem hochtechnischen Produkt Emotionen einzuhauchen. Dabei kommt es auf die richtige Balance an, da nicht jedes Produkt den gleichen Grad an Emotionalität erfordert. Bei Salomon wollen wir unsere eigene Identität etablieren, die uns attraktiv macht. Das geschieht nicht über Nacht. Im Produktdesign folgen wir nicht um jeden Preis allen Trends. Aber wir müssen immer ein Gespür für den Markt haben und ihn im Auge behalten, da unsere Arbeit keine reine Kunst ist. Die ästhetische Anziehungskraft eines Skis ist entscheidend, da sie für den ersten Eindruck bei Kaufinteressierten sorgt und sich dabei entscheidet, ob sie das Produkt attraktiv finden oder nicht. Wenn der Ski jedoch nicht gut performt, kann das anfängliche Interesse schnell verschwinden. Deshalb konzentrieren wir uns auf Designkreationen, die einerseits visuell ansprechend sind, andererseits aber auch das Skierlebnis verbessern. Das erfordert umfassende Kenntnisse der Materialien, Fertigungsverfahren und neuesten technologischen Entwicklungen in der Branche. Wir wollen Ski entwickeln, die unsere Kundschaft emotional abholen, gleichzeitig aber auch herausragend performen.
SALOMON: Kannst du uns etwas mehr über den Kreativprozess bei der Entwicklung neuer Skidesigns erzählen?
VB: Am Anfang erhalten wir ein Briefing vom Produktmanagement. Wir designen die künftigen Modelle drei Jahre bevor sie letztlich auf den Markt kommen. Das Grafikdesign findet zwei Jahre vor Markteinführung statt. Dabei tauschen wir uns im Team über mögliche Inspirationsquellen aus Kunst, Streetart, Mode, Musik usw. aus und zeichnen relevante Elemente für konkrete Moodboards. Dadurch können wir unsere Ideen besser visualisieren. In dieser Designphase gebe ich mir oft Asap Rocky auf die Ohren – dadurch kann ich gut abtauchen, abschalten und produktiv sein. Jede Kreation führt dann zu einer weiteren. Es ist wichtig, auch mal einen Schritt zurück zu machen, eine Vorauswahl zu treffen und diese regelmäßig mit dem Team zu besprechen. Dadurch stellen wir sicher, dass wir auf dem richtigen Weg bleiben. Ich liebe diesen Prozess, auch wenn er nicht selten mit vielen Zweifeln einhergeht und eine Kultur der ständigen Erneuerung erfordert. So mag die Kreation etwas Individuelles sein, die Entscheidungsfindung ist jedoch ein kollektiver Prozess, bei dem wir sehr eng zusammenarbeiten und Schritt für Schritt vorgehen. Wir beginnen mit einem groben Konzept und verfeinern dieses durch Feedback und Tests immer weiter. Dadurch stellen wir sicher, dass das Endprodukt nicht nur innovativ ist, sondern auch praxistauglich und mit der Vision unserer Marke harmoniert. Dieser dynamische Prozess erfordert Flexibilität und die Bereitschaft, sich neuen Ideen und Herausforderungen zu stellen.
SALOMON: Welche Faktoren musst du bei der Materialauswahl für Ski berücksichtigen? Und wie wirken sich diese auf das Design insgesamt aus?
VB: Die Materialauswahl hängt auch von der Zielgruppe des Skis und den damit verbundenen Vorgaben ab. Beispielsweise kann ein High-End-Ski, den es nur in limitierter Auflage gibt, nicht dasselbe Topsheet haben wie ein Modell, das ausschließlich für den Verleih gedacht ist. Die Materialauswahl ist ein wichtiger Punkt, da sie unmittelbare Auswirkungen auf die Performance, die Lebensdauer und das allgemeine Fahrverhalten das Skis hat. Dabei berücksichtigen wir Faktoren wie Gewicht, Flexibilität und Umweltauswirkungen. Beispielsweise können leichtere Materialien die Manövrierfähigkeit verbessern, während robustere Materialien die Lebensdauer erhöhen. Nach Möglichkeit versuchen wir immer, nachhaltige Optionen zu verwenden und die Leistungsfähigkeit des Skis mit der ökologischen Verantwortung in Einklang zu bringen. Jede Materialauswahl ist eine bewusste Entscheidung, die sich auf das finale Skidesign und die Funktionalität auswirkt.
“Wir lassen uns von verschiedenen Quellen außerhalb der Skiindustrie inspirieren, darunter Mode, Kunst und Technologie. Das bringt einen gesunden Perspektivwechsel in unsere Arbeit. ”

Victor Brousseaud
Salomon Designer
SALOMON: Wie informierst du dich über aktuelle Farb- und Materialtrends in der Skibranche?
VB: Wir lassen uns von zahlreichen Bereichen inspirieren. Aber ich bin auch immer sehr gespannt, was andere Marken auf den Markt bringen. Es gibt viele großartige Marken da draußen, da müssen wir die Augen offen halten. Wenn man sich über aktuelle Trends informieren will, braucht es einen guten Mix aus Recherche, Networking und kontinuierlichem Lernen. Wir besuchen Branchenveranstaltungen, folgen Marktberichten und tauschen uns mit anderen Designerinnen, Designern und Marken aus. Dadurch bleiben wir unserer Zeit voraus und können die neuesten Trends und Innovationen in unsere Designs einfließen lassen. Außerdem lassen wir uns von verschiedenen Quellen außerhalb der Skiindustrie inspirieren, darunter Mode, Kunst und Technologie. Das bringt einen gesunden Perspektivwechsel in unsere Arbeit.
SALOMON: Hast du ein Beispiel für ein besonders anspruchsvolles Projekt parat, das in puncto Skidesign große Herausforderungen an dich gestellt hat? Und wie bist du diesen Herausforderungen begegnet?
VB: Diese Herausforderungen sind oftmals technischer Natur und äußerst spannend. Ein Ski lässt sich ein bisschen mit einem Kochrezept vergleichen: Wenn man etwas Neues probiert, können viele unvorhergesehene Dinge passieren. Ein besonders herausforderndes Projekt war die Entwicklung eines neuen Skimodells, das eine einzigartige Materialkombination erforderte, um die gewünschten Leistungseigenschaften zu erzielen. Dabei mussten wir zahlreiche technische Hürden überwinden, von der Materialkompatibilität bis hin zu den Fertigungsverfahren. Das erforderte umfassende Tests, die Zusammenarbeit mit Fachleuten aus der Materialwissenschaft und iterative Designanpassungen. Das war ein komplexer Prozess. Am Ende aber konnten wir einen Ski entwickeln, der nicht nur unsere Performance-Ziele erfüllt, sondern auch positives Feedback bei Tests und unserer Kundschaft hervorgerufen hat.
“Haltbarkeit, Gewicht und Nachhaltigkeit spielen in unserem Designprozess eine wichtige Rolle. Wir wollen Ski entwickeln, die langlebig sind und der Beanspruchung am Berg standhalten. Gleichzeitig sollen sie aber so leicht wie möglich sein und eine optimale Performance bieten. ”

Victor Brousseaud
SALOMON: Wie arbeitest du mit anderen Mitgliedern des Designteams sowie mit den Herstellern zusammen, um deine Ideen zum Leben zu erwecken?
VB: Ich habe das Glück, mit Fachleuten zusammenzuarbeiten, die teilweise schon seit Jahrzehnten Ski herstellen. Unsere Fertigungsstätte in Österreich sucht in der Branche ihresgleichen. Ich bin so oft wie möglich dort, um Projekte voranzutreiben oder Probleme zu lösen, da wir nicht immer den einfachsten Weg wählen. Die wunderschönen Berge in der Umgebung sind natürlich ein Pluspunkt. Für ein erfolgreiches Skidesign ist Zusammenarbeit extrem wichtig. Wir arbeiten eng mit Fachleuten aus dem technischen Bereich und der Materialwissenschaft sowie mit Herstellern zusammen, um sicherzustellen, dass unsere Designs praxistauglich sind und nach höchsten Standards gefertigt werden können. Durch ständigen Austausch und regelmäßige Vor-Ort-Besuche können wir Probleme schnell angehen und unser Projekt auf Kurs halten. Durch diesen kollaborativen Ansatz sind unsere Ski innovativ, praxistauglich und gut zu fertigen.
SALOMON: Welche Rolle spielen Haltbarkeit, Gewicht oder ökologische Nachhaltigkeit beim Designprozess?
VB: Wir müssen der Realität ins Auge blicken: Der Fertigungsprozess von Ski ist alles andere als sauber. Er ist äußerst komplex und bisher gibt es noch keine wirklich nachhaltigen Lösungen. Aber wir haben zumindest ein System eingeführt, um aus alten, recycelten Seitenwänden neue Seitenwände zu fertigen. Dabei entsteht der markante „Plastikchips“-Effekt. Doch wir wollen noch einen Schritt weitergehen. Weniger Flüge in Verbindung mit dem Skifahren hätten den größten Nutzen für die Umwelt. Haltbarkeit, Gewicht und Nachhaltigkeit spielen in unserem Designprozess ebenfalls eine wichtige Rolle. Wir wollen Ski entwickeln, die langlebig sind und der Beanspruchung am Berg standhalten. Gleichzeitig sollen sie aber so leicht wie möglich sein und eine optimale Performance bieten. Nachhaltigkeit ist eine fortwährende Herausforderung, aber wir sind fest entschlossen, innovative Lösungen zu entwickeln, um unsere Umweltauswirkungen zu reduzieren. Dazu gehören der Einsatz recycelter Materialien, die Optimierung des Fertigungsprozesses und die Förderung nachhaltiger Praktiken innerhalb der Branche.
SALOMON: Wie stellst du sicher, dass deine Skidesigns die unterschiedlichen Leistungsstufen – ob Neulinge oder Fortgeschrittene – überzeugen?
VB: Wir testen unsere Designs nach Möglichkeit an den Orten, an denen sie Ski fahren. Dadurch können wir wertvolles Feedback von unseren Zielgruppen erhalten und verstehen auch ihre Motivation, mit der sie Ski fahren. Damit unsere Designs bei einer möglichst vielen Menschen Anklang finden, braucht es umfangreiche Praxistests und viel Feedback. Wir arbeiten mit Skibegeisterten aller Leistungsstufen zusammen, von Neulingen bis hin zu Profis. So lernen wir ihre Bedürfnisse und Vorlieben besser kennen. Durch diese Rückmeldungen können wir unsere Designs verfeinern und sicherstellen, dass wir die Erwartungen der verschiedenen Zielgruppen erfüllen. Neben der Leistungsstufe berücksichtigen wir außerdem den Ski-Style oder die Vorlieben in Bezug auf das Terrain, um mit unseren Skis eine breitere Zielgruppe anzusprechen.
SALOMON: Was war bisher dein Lieblingsprojekt bei Salomon und warum?
VB: Die nächste QST Serie, obwohl ich natürlich noch keine Details verraten kann (lacht). Der QST X ist ein Ski, der ohne Wenn und Aber auf die idealen Skibedingungen ausgelegt ist, von denen wir alle träumen. Wenn wir ein Produkt wie dieses auf den Markt bringen, lautet unsere Botschaft: „Salomon entwickelt Ski immer aus Leidenschaft. Punkt.“ Der Ski ist ein Geschenk vom Produktmanager und dem Team. Wir haben beschlossen, diese Botschaft mit einer ausdrucksstarken, psychedelischen Ästhetik zu kombinieren. Dabei haben wir all unser Wissen einfließen lassen: Die Form entspricht unserer Identität, ist jedoch noch markanter. Die Konstruktion ist High-End. Die Seitenwände sind aus recyceltem Material. Und das Design akzentuiert all diese Elemente. Unsere Athletinnen und Athleten sollen mit diesem Ski glänzen. Und ich will, dass der Anblick der Skispitzen sie dazu motiviert, ihre Grenzen zu pushen. Das QST X Projekt war auch deshalb besonders, weil es unsere Leidenschaft für das Skifahren genauso verkörpert wie unseren Innovationsgeist. Es ist der Höhepunkt unserer Arbeit, einen Ski zu entwickeln, der unter idealen Bedingungen außergewöhnlich gut performt, der gleichzeitig aber auch ein Statement in Sachen Design setzt. Die Arbeit an diesem Projekt war ein eine aufregende kollaborative und kreative Reise und ich bin sehr gespannt, wie der Ski angenommen wird.
SALOMON: Werfen wir einen Blick voraus: Welche Innovationen oder Trends haben deiner Meinung nach das Zeug dazu, die Zukunft des Skidesigns zu prägen?
VB: Ich glaube, dass sich das Skidesign noch mehr in Richtung Inklusivität und emotionale Resonanz entwickeln wird. Da das Skifahren immer mehr Menschen zugänglich wird, müssen wir Produkte hervorbringen, mit denen sich die einmalige Magie des Skifahrens verstärken lässt. Dazu müssen wir unseren Fokus auf Designs richten, die nicht nur funktional sind, sondern vor allem starke emotionale Verbindungen mit den Skifahrenden hervorrufen. Darüber hinaus erwarte ich weitere Fortschritte in puncto nachhaltige Materialien und Fertigungsprozesse sowie eine zunehmende Integration von Technologien, um Performance und Skierlebnis zu steigern.
Einst kritzelte Victor Brousseaud seine Ideen auf die Ränder seiner Notizbücher, dann wurde er zu einem wegweisenden Designer bei Salomon. Sein Werdegang steht sinnbildlich für seine Leidenschaft und seine Hingabe für die Kunst des Skidesigns. Seine Fähigkeit, ästhetische Anziehungskraft mit Funktionalität und Performance zu vereinen, ohne dabei Markttrends oder ökologische Nachhaltigkeit aus dem Blick zu verlieren, unterstreicht seinen innovativen Ansatz. Auch in Zukunft möchte Victor inklusive und emotional ansprechende Skidesigns entwerfen, die allen Menschen die magische Erfahrung des Skifahrens ermöglichen. Mit seiner Arbeit verschiebt er in Sachen Skidesign weiterhin die Grenzen des Möglichen, verspricht spannende Neuerungen und inspiriert Skibegeisterte auf der ganzen Welt.